Zeitung
From Mexiko-Lexikon
Die mexikanischen Zeitungen haben gegenüber Fernsehen und Radio einen schweren Stand. Trotz einer Vielfalt an Printtiteln ist der Verkauf rückläufig - das hängt nicht nur mit der Attraktivität von Fernsehen und Internet zusammen, sondern hat seinen Ursprung auch im veränderten Kontrollverhalten des Staates.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte des mexikanischen Zeitungswesens
Kolonialzeit
1536 wurde die erste Druckerei in Mexiko-Stadt durch den Italiener Juan Pablos eingerichtet, aber erst 1722 wurde die erste Zeitung Mexikos gegründet: La Gaceta de México war ein Produkt des späteren Bischofs Juan Ignacio Ursúa y Goyeneche. Nach nur wenigen Ausgaben wurde der Druck wieder eingestellt, 1739 und 1742 aber wieder aufgenommen. 1772-1773 erschien zudem eine Zeitung namens Mercurio Volante. Ab 1784 erschien wieder eine Gazeta de México, die nach 1909 Regierungsmitteilungsblatt wurde (bis in die Zeit der Herrschaft von Kaiser Agustín de Iturbide).
19.Jahrhundert
Schon während des Unabhängigkeitskrieges erschien eine erste Zeitung modernen Typs (Allgemeine Nachrichten, wenngleich zensiert) unter dem Namen Diario de México (1817 eingestellt), rasch folgten etliche Neugründungen weiterer Zeitungen. Wichtigste Presseerzeugnisse des 19.Jahrhunderts waren El Ateneo Mexicano, gegründet 1840, und El Siglo XIX sowie Monitor Republicano (beide 1896 eingestellt).
Die Entwicklung des Telegraphs (ab 1851) beschleunigte die Nachrichtenübermittlung, das Aufkommen einer Arbeiterschaf neue Zeitungen (Periódico obrero). 1892 gab es 20 Zeitungen allein in Mexiko-Stadt, im gesamten Land 665 Zeitungen, so die Historikerin Karin Bohmann. (1). Nach ihr trat die mexikanische Presse 1896 in ein neues Zeitalter mit der Gründung des El Imparcial, ein durch Regierungskreise subventioniertes Blatt, das auf neue Rotationsmaschinen, günstigen Verkaufspreis und modernes Layout setzte und damit einen Massenmarkt für Zeitungen schuf.
Derzeitige Struktur
Die mexikanische Zeitungsbranche fußt in ihrer derzeitigen Struktur vielmals auf der mexikanischen Revolution (1910-1920) und deren Auswirkungen. Aus dieser Zeit stammen heute einflussreiche Medien wie EL UNIVERSAL. Sie und die EXCELSIOR sind Zeitungen, die mit einem reformerischen Anspruch gegründet wurden, gleichzeitig aber nie ihre Herkunft verleugneten. Bezeichnenderweise sind noch heute in ihrer Berichterstattung tendenziell der aus der Revolution hervorgegangenen ehemaligen Regierungspartei PRI zugeneigt.Der seit 2000 amtierenden rechtsliberalen Regierungspartei PAN ist hingegen eher die junge REFORMA zugeneigt: Eine Zeitung, die hinsichtlich Layout und Berichterstattung seit ihrer Gründung 1993 Maßstäbe für die gesamte Branche gesetzt hat. Sie gilt in Mexiko-Stadt als schärfste Rivalin des Platzhirsches EL UNIVERSAL. Bezeichnend für den Einfluss der REFORMA ist jedoch die Tatsache, dass EL UNIVERSAL 1999 sein Layout erheblich modifizierte, um mit dem modernen Ausstrahlungsbild der Rivalin mithalten zu können.
Es gibt allein in Mexiko-Stadt 32 Tageszeitungen, kontrolliert von wenigen Familien. Hervorzuheben ist neben EL UNIVERSAL und REFORMA die linksgerichtete LA JORNADA, 1984 hervorgegangen aus einer landesweiten Protestbewegung anlässlich der Präsidentschaftswahlen. Das unabhängige, aber der Oppositionspartei PRD nahestehende Blatt tritt als einziges einflussreiches Medium offen für die Sache der Indígenas und Armen Mexikos ein und sichert dem Chiapas-Konflikt eine regelmäßige Berichterstattung zu.
Ihr entgegengesetzt war der HERALDO (rechtskatholisch). Unter den Wirtschaftszeitungen dominieren El FINANCIERO und ECONOMISTA, letztere erst 1988 gegründet. Mexiko kennt zudem mehrere politische Magazine (im Stil des deutschen SPIEGELS). Zu ihnen gehören u.a. PROCESO, 1976 von EXCELSIOR-Journalisten gegründet.
Es gibt darüberhinaus eine hohe Zahl an Special-interest-Titeln für Branchen unterschiedlichster Art. Im Reise- und Freizeitsektor ist beispielsweise die Zeitschrift México Desconocido zu nennen.
Pressemanipulation
Mexikanische Journalisten schreiben zwar in aller Regel recht kritisch - Jahr um Jahr werden aber Pressevertreter ermordet, zumeist im Zusammenhang mit dem Drogenmilieu. Eine jüngste Erhebung ermittelte für 2004 sechs Todesopfer, 2005 wurden zwei Journalisten ermordet. Im Januar 2006 verübten Unbekannte in Nuevo Laredo einen Anschlag auf die Redaktion der Zeitung "Mañana", dabei starb ein Redakteur. In einem Gespräch mit der New York Times sprachen die Betroffenen von einer "Autozensur" angesichts der wiederholten Morde ([1]). 2006 wurden im Verlauf des Streiks in Oaxaca Anschläge auf die Redaktion der Zeitung "Noticias" verübt.
Seit 2000 sind nach Angaben der internationalen NGO "Reporter ohne Grenzen" 16 mexikanische Journalisten ermordet worden, weitere gelten als "vermisst" ([2]) (PDF). Auch das "International Press Institute" brandmarkte in seinem Jahresbericht für 2005 etliche Übergriffe ([3])
Zudem ist der mexikanische Journalismus mit dem Ruch der Korruption behaftet. Mit der Demokratisierung Mexikos ab 1984 ist jedoch eine spürbare Verbesserung bemerkbar: Beispielsweise wurde früher kritischen Medien der Papierzufluss (der staatlich durch eine zentrale Einkaufsgenossenschaft namens PIPSA kontrolliert wurde) schlichtweg abgedreht – oder die Zeitung direkt aufgekauft. Noch immer, so verschiedene Journalistenverbände, würden Artikel oder Meinungen "gekauft". Die spanischsprachige PULSE aus Miami stellte beispielsweise 2002 fest, dass selbst REFORMA unter politischem Druck stehen würde, um bestimmte Meinungen nicht wiederzugeben. Eine Ausweitung der Pressefreiheit erzielten die Medien aber auch mit der Chiapas-Rebellion 1994, in deren Verlauf die Zeitungen um Exklusivität und Aktualität hinsichtlich Nachrichten aus dem Krisengebiet wetteiferten. Schon im 19.Jahrhundert betrieb der Diktator Porfirio Díaz eine Subventionspolitik, mit der er ein Wohlwollen der Presse finanzierte.
Im April 2007 annullierte der Bundeskongress die Dekrete, mit denen Journalisten wegen Diffamierung oder übler Nachrede zu Gefängnisstrafen verurteilt worden, was Beobachter als weiteren Schritt zur Medienfreiheit sehen. Wer künftig Opfer übler Nachrede durch Pressemedien ist, kann dagegen vor einem Zivilgericht auf finanzielle Entschädigung und Gegendarstellung im enstsprechenden Medium klagen.
Siehe auch: Caso Lydia Cacho
Presseverbände
Verlagsverbände
Die Mehrheit der mexikanischen Zeitungsverlage hat sich am 20.8.1983 in der AME (auch AMED) (Asociación Mexicana de Editores de Periódicos) zusammengeschlossen. Sie umfasst zur Zeit 100 Zeitungen, die in 200 Orten erscheinen. Sie versteht sich als Interessensgemeinschaft, die zum Ziel habe, einen "ehrlichen, freien und unabhängigen" Journalismus sicherzustellen. Sie stellt sich gegen Pressezensur und -manipulation. Etwaige politische Ausrichtungen der einzelnen Mitgliedszeitungsverlage werden aber respektiert. Die AMED hat ihren Sitz in Mexiko-Stadt.
Berufsverbände und Fachmagazine
Wie wie in ganz Lateinamerika existieren auch in Mexiko unabhängige Journalistenverbände, die Unregelmäßigkeiten, Pressezensur und Gewaltandrohung publik machen. Zu nennen ist beispielsweise die "Fremac", (Fraternidad de Reporteros de México), 1995 gegründet (derzeitige Existenz aber fraglich, Führungsquerelen 2002/2003). Mehr brancheninformativen Charakter haben Zeitungen wie 2Mas Periodismo" mit Schwerpunkt Service und News, Etcétera oder Zócalo. "Creativa" behauptet von sich selbst, Mexikos größtes Medienmagazin darzustellen.
Leserschaft und Anzeigen
Generell leidet Mexikos Zeitungsvielfalt unter der geringen Leserschaft, die Auflagen sind niedriger als in Europa. EL UNIVERSAL verkauft nach eigenen Angaben täglich rund 200.000 Exemplare - die Schätzung dürfte zu hoch angelegt sein. REFORMA erreicht eine Auflage von 135.000 Exemplaren. Dies ist für ein Land mit 104 Millionen Einwohner denkbar gering.
Von 42 Milliarden Dollar im Jahr 2000 fielen die Einnahmen in 2002 auf 34 Milliarden Dollar, so das FRATERNIDAD DE REPORTEROS-Organ LOS PERIODISTAS. Damit einher geht ein erheblicher Rückgang der Anzeigenschaltungen der mexikanischen Regierung, der in Zeiten der PRI-Regierung bis zu fünfzig Prozent aller Anzeigen ausmachen konnte - Folge der neuen Pressepolitik des Staates, die der Pressefreiheit mehr Bedeutung zumisst.
Zeitungssterben
Nach dem Regierungswechsel 2000 erklärte der Ex-Direktor der Zeitung Crónica de hoy gegenüber dem Fachmagazin LOS PERIODISTAS, er gehe von einem Zeitungssterben aus. Der Verleger der Zeitung MÉXICO HOY sah den Grund auch darin, dass Medien nur noch ein Marketingprodukt seien, die ihren Wert beweisen müssten, um Gelder zu erhalten - für Europas Medienlandschaft normal, für Mexiko bislang unüblich aufgrund der massiven staatlichen Subventionen im Form von Anzeigen, die jedoch nach Fox Amtseintritt gekürzt wurden.
Tatsächlich hatte das zweite Halbjahr 2002 das Zeitungssterben bereits eingeleitet. Die 1917 gegründete EXCELSIOR rutschte in die roten Zahlen und sollte an ein britisch-amerikanisches Konsortium unter Leitung des Unternehmers Miguel Aldana Ibarra verkauft werden, 1.400 Arbeitsplätze standen auf dem Spiel. Der Verkauf scheiterte Anfang 2003. Erst im Juli 2003 erschien eine optisch überarbeitete Neuauflage des Titels. Am 23.Januar 2006 wurde der Verlag an die mexikanische "Grupo Ángeles" endgültig weiterverkauft - mit einer enormen Schuldenhöhe (Quelle: Proceso 23.1.2006)
Verleger Rómulo O`Farril löste sein (inhaltlich konservatives) Medienimperium zum Jahresende 2002 auf und nahm die defizitäre NOVEDADES (gegründet 1917) vom Markt.
Auch der Tagestitel MÉXICO HOY wurde 2002 aus wirtschaftlichen Gründen wieder eingestellt. Der renommierte Journalist Miguel Badilla sollte an ihrer Stelle , so die US-spanischsprachige Zeitung PULSE, ein rechercheorientiertes Magazin neu aufbauen. Nach dem Scheitern dieses ersten Projektes entstand aus der Konkursmasse der México Hoy die im September 2003 erstmals erschienene EL INDEPENDIENTE. Sie geriet aber im März 2004 in eine Glaubwürdigkeitskrise aufgrund der strafrechtlichen Verfolgung ihres Eigentümers Carlos Ahumada, der etliche Politiker bestochen haben soll. Die gesamte Redaktion trat zurück, im Mai 2004 wurde das Blatt eingestellt.
Literatur
- Karin Bohmann, Massenmedien und Nachrichtengebung in Mexiko, 1986
- William A.Orme, A Culture of Collusion: An Inside Look at the Mexican Press, 1996
Links
Mexico-Community
Weitere Links
- Asociación Mexicana de Editores
- Liste und Karte der Zeitungen in Mexiko
- Directorio del Gobierno Mexicano: Medios de comunicación
- DMOZ: Medios de Comunicación en México
Medienzeitungen
Dokumente

