Miguelito

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Miguelito


Vor Monaten sah ich ihn das erste Mal, er half meine Einkäufe bei Walmart einzutüten und trug sie mir zum Auto. In den vergangenen Monaten kamen wir so auch mal kurz zum Plaudern, Miguelito ist 13 Jahre alt, kommt aus einer einfachen Familie mit 7 Kindern. Er ist sehr stolz auf seine selbst angelernten/aufgeschnappten Englisch-Kenntnisse und versucht diese mit deutlich "amerikanisierter" Aussprache einzusetzen. Manchmal hört sich das etwas schräg an, aber wahrscheinlich ist auch mein bayrisch gefärbter Akzent nicht gerade berauschend. Wie Miguelito selbst sagt, reicht das Geld hinten und vorne nicht, so suchen eben er und seine Geschwister immer wieder nach Möglichkeiten ein paar Pesos zur Familienkasse beizusteuern. Sie melden sich regelmäßig bei den Supermärkten um einen "Pack-Job" an den Kassen, wenn er dort nicht eingeteilt wird, treibt er sich eben auf dem Parkplatz herum, bringt Einkaufskarren zu Leuten die gerade aus dem Auto aussteigen, bietet sich an, diese zum Auto zu schieben und beim Einladen zu helfen usw. Hofft natürlich immer auf den einen oder anderen Peso.

Gestern traf ich ihn wieder. Nachdem er meine Tragetaschen verladen hatte, "erspähte" er gleich wieder neue Kundschaft und steuerte diese gleich an: eine etwas ältere Frau, Amerikanerin oder Kanadierin, richtig aufgerüscht, stöckelte hinter ihrem Trolley über's Verbundpflaster, die extrem langen aufgeklebten Fingernägel weit abgespreizt....
Miguelito ging also auf sie zu "good morning, Lady can I help you por favor?" Sie schaut ihn von oben bis unten mit hochgezogenen Brauen an, will irgendetwas sagen, hält jedoch den Mund und zielt mit dem auf etwa 15 cm verlängertem Zeigefinger auf ein Auto in meiner Nähe "ok, boy, that's my truck" Miguelito schiebt die Karre im Laufschritt, sie schreit "hey, are you going to steal my bags!" (hey, willst du mir meine Taschen stehlen) "no, no Lady me I want to help" Miguelito wartet vor dem "truck" , ein hochglanzpolierter Escalade, die Lady zischt ihn an, drückt aber trotzdem die Fernbedienung und sagt zu ihm, er solle daran denken, dass sie ihm ganz genau auf die Finger schaut..... Miguelito verstaut alles sorgfältig, schließt die Autotür und strahlt die Frau in Erwartung ein paar Pesos an.
Die Frau geht zur Fahrertür, öffnet sie, schmeißt ihre Handtasche auf den Beifahrersitz. Miguelito ahnt, dass da wohl nichts mehr kommt und geht zur Fahrertür und sagt "Lady, pliss, gim me some monni"
Endlich kramt sie ein paar Münzen heraus, lässt diese sichtlich angewidert in seine Hand fallen und Miguelito mit seinem mexikanischen Akzent sagt "Fank yu, lady" (Sollte heißen thank you, aber die richtige Aussprache seines "TH" klappt halt noch nicht) Da springt die "Lady" aus dem Wagen, knallt ihm eine schallende Ohrfeige auf die Backe und brüllt ihn an: "you goddamn bastard! I am not a "lady" I am a reputable woman and you may * your sister but not me!" (Du gottverdammter Bastard, ich bin keine "lady" ich bin eine rechtschaffene Frau und du kannst deine Schwester ...... aber nicht mich)

Für eine Schrecksekunde blieb mir - wie auch Miguelito die Spucke weg, dann rannte ich zu den beiden rüber, nahm den Jungen erstmal zur Seite und sagte zu der "Nicht-Lady" dass dieser kleine Mexikaner eben nur helfen und höflich sein wollte! Der wolle nur seine Familie mit ein paar hart verdienten Pesos unterstützen. Ich wollte Madame noch erklären, dass ....., aber ihr angewiderter Gesichtsausdruck sagte mir "f..k you.." was eigentlich zu ihrem vorgeblichen Stil so gar nicht passt

Anmerkung: in bestimmten US-Kreisen betrachtet man mittlerweile die Anrede "Lady" als politisch inkorrekt, da es mit "Lady of the Night" assoziiert wird, also Frauen, die nachts ihr Geld auf der Strasse verdienen und "fank you" ist ein Slang-Wort zusammengesetzt aus "f..k you und thank you" - woher sollte Miguelito das wohl wissen?
Ich hab es dem kleinen Miguel trotzdem kurz erklärt und ihm geraten, lieber "sank you" anstatt "fank you" zu sagen, solange das mit dem Zungeanstoßen beim TH nicht klappt. Nach einer Cola und ein paar Pesos als Schmerzensgeld fanden wir, dass er für diesen Tag besser Feierabend machen sollte....Einer der Passanten die dazu gekommen waren, kannte Miguel und seine Geschwister und nahm ihn anschließend mit nachhause.

Was für Leute es gibt!!!


Autor: Mimmi (Mexiko-Community)
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